Sonderforschungsbereich 1287 - Die Grenzen der Variabilität in der Sprache: Kognitive, komputationale und grammatische Aspekte

Prof. Dr. Gisbert Fanselow (1959-2022)

Gisbert Fanselow war einer der Begründer der modernen generativen Syntaxforschung in Deutschland. Von 1977-1983 studierte er in Regensburg und Konstanz ua bei Peter Staudacher, Arnim von Stechow und Urs Egli. Seine erste Buchveröffentlichung (1981; „Zur Syntax und Semantik der Nominalkomposition“ von Niemeyer) entstand aus einer studentischen Seminararbeit. Nach seinem Magisterstudium der Theoretischen Sprachwissenschaft und Germanistik und Anglistik in Konstanz wechselte Fanselow von 1983 bis 1993 an die Universität Passau, wo er auch promoviert (1985) und habilitiert (1989) wurde. In dieser Zeit verfasste er gemeinsam mit seinem Mentor und Betreuer Sascha Felix eine der meistgelesenen deutschsprachigen Einführungen in die generative Linguistik, „Sprachtheorie“, Bd. 1 & 2, UTB, 1987, die Generationen von Linguisten im deutschsprachigen Raum nachhaltig beeinflusst hat.

Fanselow hat seit 1993 die C4-Professur für Grammatiktheorie mit Schwerpunkt Syntax am damals neu gegründeten Institut für Linguistik der Universität Potsdam inne, das er gemeinsam mit Gisa Rauh aufgebaut und in seiner generativen, kognitionswissenschaftlichen Ausrichtung geprägt hat. In Zusammenarbeit mit Reinhold Kliegl vom Institut für Psychologie Potsdam gelang es ihm, die Linguistik als Kernbereich der modernen Kognitionswissenschaft an der Universität zu etablieren. Auch Fanselows Sprecherschaft in der Innovationsforschungsinitiative „Formale Modelle kognitiver Komplexität“ (1994–1999) und in der DFG-Forschergruppe „Konfliktierende Regeln“ (1999–2003) trug wesentlich zur herausragenden Rolle der Linguistik im Rahmen der Erforschung der Sprachwissenschaft bei Erkenntnis in Potsdam. Darüber hinaus war Fanselow maßgeblich an der Konzeption und erfolgreichen Beantragung des Institutional Grant SFB632 „Information Structure“, einer Kooperation der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Potsdam, beteiligt. Er war auch maßgeblich an der Planung und Beantragung des nachfolgenden SFB1287 „Die Grenzen der Sprachvariabilität: Kognitive, rechnerische und grammatikalische Aspekte“ beteiligt, der derzeit an der Universität Potsdam läuft.

Gisbert Fanselow verfügt über einen breiten wissenschaftlichen Hintergrund und hat in seiner langen und erfolgreichen Karriere eine Vielzahl von empirischen Phänomenen, theoretischen Problemen und methodischen Fragestellungen in den unterschiedlichsten Sprachen bearbeitet, darunter Parametrisierung, Konfigurationalität, Wortstellung, gespaltene NPs, wh -Fragen, Informationsstruktur, Umfang, die Methodik von Akzeptanzstudien, die Grenzen grammatikalischer Systeme usw. Er war einer der größten Kenner der germanischen Syntax und ein anerkannter Experte für Fragen der Parametrisierung von VO vs. OV in natürlichen Sprachen. Sein letztes Forschungsprojekt im SFB1287 mit dem Titel „Syntaktische Implikation von Kopfstellung und Argument“ befasst sich erneut mit diesem Problem aus einer breiten typologischen Perspektive, die empirisch aus allen großen Sprachfamilien der Welt gezogen wird

Gisbert Fanselow war ein Vorbild für Generationen von Syntaktikern durch seinen Enthusiasmus, seine Neugier, seine Demut und seine tiefe Sorge um das Wohlergehen der Schüler. Er war immer ansprechbar und nahm sich immer so viel Zeit, wie die Schüler brauchten. Er war an der Ausbildung zahlreicher namhafter Linguisten beteiligt: ​​Artemis Alexiadou, Julia Bacskai-Atkari, Joanna Blaszczak, Ina Bornkessel-Schlesewsky, Damir Cavar, Susann Fischer, André Meinter, Florian Schäfer, Matthias Schlesewsky, Luis Vicente, Ralf Vogel. Marta Wierzba, neben vielen anderen. Als Gutachter bei der DFG hatte Gisbert auch großen Einfluss auf die Entwicklung der Sprachwissenschaft in Deutschland. Er hat in allen wichtigen Zeitschriften veröffentlicht; sein letzter veröffentlichter Aufsatz in Glossa (Fanselow et al., 2022) befasst sich mit einer neuen experimentellen Methode zur Untersuchung des Umfangs inverser Quantoren im Deutschen.

Neben der Linguistik interessierte er sich auch sehr für Umwelt-, Klima- und Artenschutz. Gisbert war eine wichtige Stimme in der Umweltkommission der Universität Potsdam, war im Beirat von „Scientists for Future“ aktiv und gründete „climatewednesday.org“, eine Initiative zur Reduzierung von Flugreisen in der Wissenschaft, ein Ziel, das ihm sehr nahe steht Herz.

Seine plötzliche Erkrankung riss Gisbert unerwartet aus einem aktiven Leben als Forscher. Gisbert hatte noch viel vor und war dabei, ein weiteres Forschungsprojekt zu W-Fragen aus typologischer Sicht vorzubereiten.

Sein Tod hinterlässt eine große, nicht zu schließende Lücke in der deutschen Sprachwissenschaft und insbesondere am Institut für Linguistik der Universität Potsdam. Seine Kollegen am Fachbereich werden Gisbert wegen seiner umfassenden sprachlichen Expertise, vor allem aber wegen seiner Freundlichkeit, seiner Neugier, seiner Kollegialität und Hilfsbereitschaft und seiner Bereitschaft, persönliche Eitelkeiten immer hinter das große Ganze zu stellen, sehr vermissen.

Wir trauern um Gisbert als Freund und Kollegen. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie.