Sonderforschungsbereich 1287 - Die Grenzen der Variabilität in der Sprache: Kognitive, komputationale und grammatische Aspekte

A02

Grammatische Verarbeitung und syntaktischer Wandel

PI(s): Prof. Dr. Ulrike Demske & Dr. Claudia Felser

Dieses Projekt hat zum Ziel, die Dimensionen syntaktischer Variabilität aus diachroner Perspektive auszuloten. Wir verfolgen hierbei einen multimethodologischen Ansatz, der Korpusanalyse und psycholinguistische Experimente miteinander verknüpft, um den Stellenwert von Sprachverarbeitungsstrategien bei der Entscheidung von Sprechern für bestimmte syntaktische Varianten zu untersuchen. Der außerordentliche Variantenreichtum der frühneuhochdeutschen Syntax und seine zunehmende Beschränkung im Zuge der Herausbildung des heutigen Standarddeutschen liefert hierfür die geeignete empirische Grundlage.

Das Projekt konzentriert sich auf die Wortstellungsvariation bei deutschen Infinitivkomplementen, insbesondere auf die Entstehung von Restriktionen in Bezug auf die Wortstellung und das Ausmaß, in dem Verarbeitungsfaktoren bei dieser Entwicklung eine Rolle gespielt haben könnten. Unsere diachronen Korpusdaten bestätigen, dass die Wortstellungsvariabilität mit der Zeit abgenommen hat, wobei diskontinuierlich linearisierte Infinitivkomplemente nur noch sehr selten in synchronen Korpora nachgewiesen werden konnten. Darüber hinaus zeigen unsere Daten, dass Verben, die früher unterschiedliche Linearisierungsmuster ihrer Infinitivkomplemente zuließen, dies im heutigen Deutsch nicht mehr tun. Dies ist wahrscheinlich das Ergebnis eines Spezialisierungsprozesses von Wortstellungsvarianten, der teilweise durch Verarbeitungsfaktoren beeinflusst wird.

Unsere experimentellen Ergebnisse zeigen, dass im Gegensatz zu dem, was aus der Perspektive probabilistischer Ansätze zur sprachlichen Variation zu erwarten wäre, die Akzeptabilität verschiedener Wortstellungsvarianten nicht vollständig durch ihre Korpusfrequenzen vorhergesagt werden kann. Trotz ihrer Seltenheit werden diskontinuierlich auftretende Infinitive von heutigen deutschen Sprechern immer noch als akzeptabel angesehen, was darauf hindeutet, dass sie als „latente“ Konstruktionen Teil der Grammatik des Standarddeutschen geblieben sind. Wir fanden ferner heraus, dass die häufigste Wortstellungsvariante sowie diejenige, für die sich Sprecher in Produktionsaufgaben am ehesten entscheiden, die am einfachsten zu verarbeitende Variante ist. Dies deutet darauf hin, dass die Variabilität der Wortstellung zumindest teilweise durch Prinzipien der Verarbeitungsökonomie beschränkt wird. Die Abnahme der Belege für schwieriger zu verarbeitende Varianten in der Geschichte des Deutschen spiegelt vermutlich den wachsenden Einfluss des gesprochenen Deutschen auf die sich herausbildende Standardsprache wider.

Publikationen

Author(s)TitleYearPublished inDOILinksTypeProject
Bosch, S., De Cesare, I., Felser, C. & Demske, U.A multi-methodological approach to word order variation in German infinitival complementation.2021Featherston, S., Hörnig, R., Konietzko, A., & von Wietersheim, S. (eds.), Proceedings of Linguistic Evidence 2020. Tübingen: University of Tübingen.Data Peer-ReviewedA02, C06
Demske, U.Zur Grammatikalisierung von 'gehen' im Deutschen.2020Forum Japanisch-Germanistischer Sprachforschung, 2, 9-42.LinkPaper Peer-ReviewedA02, C06
Bosch, S., De Cesare, I., Felser, C. & Demske, U. A multi-methodological approach to word order variation in German infinitival complementation.2020Paper presented at the Linguistic Evidence 2020. Eberhard Karls University Tübingen, Tübingen, Germany. 13 - 15 February.Talk or PresentationA02, C06
Bosch, S. & Felser, C.The role of processing contraints on word order variation in German infinitival complementation.2019Paper presented at the 4th Conference on Experimental Approaches to Perception and Production of Language Variation (ExApp 2019), Münster, Germany. 26-28 September.Talk or PresentationA02, C06
De Cesare, I.Textsorteneffekte auf die Stellung infiniter Komplemente im Frühneuhochdeutschen.2019Paper presented at the Workshop ''Syntax der frühen Neuzeit'', University of Potsdam, Potsdam, Germany. 10 - 12 October.Talk or PresentationA02, C06
De Cesare, I.Word order variability and change in German infinitival complements.2019Paper presented at the 24th International Conference on Historical Linguistics (ICHL 24), The Australian National University, Canberra, Australia. 01 - 05 July.Talk or PresentationA02, C06
De Cesare, I.Grammatical processing and syntactic change: infinitival complements in German.2018Paper presented at the 3rd Summer School in Historical Syntax (SUM-UP 2018): Variation and its limits from a diachronic perspective, University of Potsdam, Potsdam, Germany. 27 - 30 June.Talk or PresentationA02, C06
De Cesare, I. &  Bosch, S.Word order variation in German infinitival complements: Evidence from copus and experimental data.2019Paper presented at the Workshop ''Multimethodological approaches to synchronic and diachronic variation'', University of Potsdam, Potsdam, Germany. 25 - 26 October.Talk or PresentationA02, C06
Demske, U.Zwischen Kohärenz und Inkohärenz: Wortstellung von Infinitivkomplementen.2018Invited talk at the Japanische Gesellschaft für Germanistik, Tokyo, Japan. 27 August.Talk or PresentationA02, C06
Demske, U. & De Cesare, I.Grammatical processing and syntactic change: infinitival complements in German.2018Invited talk at the Lecture Series ''Linguistic Circle'', University of Edinburgh, Edinburgh, UK. 21 - 23 March.Talk or PresentationA02, C06